Grussworte

Grußworte Wien (9)

Dietrich Fischer-Dörl
Pastor der Baptistengemeinde Mollardgasse

Liebe Besucherinnen und Besucher der Langen Nacht der Kirchen,

 was haben der Suezkanal, das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms und die Wiener Staatsoper mit der ersten Wiener Baptistengemeinde gemeinsam? Sie alle wurden im Jahr 1869 eröffnet bzw. fertiggestellt. Dabei hat zugegebenermaßen die Baptistengemeinde in Wien wohl am wenigsten Aufsehen erregt. Dennoch wurde sie schon früh zur Zuflucht für Querdenker, sowohl in gesellschaftlichen als auch in religiösen Fragen. Die jungen Gläubigen wollten die Bibel lesen und ihre Botschaft ohne dogmatischen Überbau leben. Und ihre Kritik galt der doppelten Herrschaft von Thron und Altar, die keine Religionsfreiheit zuließ.

Heute hat sich das gesellschaftliche Klima sehr gewandelt. Kirchen und Religionsgemeinschaften müssen ihre gesellschaftliche Rolle völlig neu entwickeln. Bei allem Interesse an Religion und an sinnstiftenden Angeboten schreitet die Säkularisierung immer schneller voran. Insofern wird die Einladung zur Langen Nacht der Kirchen aber auch zur Frage an die Stadt und ihre Bewohner: Wenn Sie innehalten wollen und über ihr Leben nachdenken, haben Sie dann einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen? Wenn Sie sich vorbehaltlose Liebe und Zuwendung wünschen, wissen Sie dann, zu wem sie gehen können?

Als Christinnen und Christen in Wien wollen wir dem Beispiel Jesu folgen. Eine seiner Reden beendet er mit den Worten: „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden.“ (Matthäus 11,28 BasisBibel) Auch bei der Fülle an Programm ist die Lange Nacht der Kirchen doch ein Hinweis darauf, dass unser Religionsstifter uns vor allem eine Zuflucht für Geist und Seele anbieten will.

In diesem Sinn wünschen wir ihnen auch in der Nacht vom 26. Mai viele neue Entdeckungen.

Ihr Dietrich Fischer-Dörl