Kommt und seht, kommt und hört!
Das ist das Motto der Langen Nacht der Kirchen. Und es gibt viel zu schauen,
zu hören, vielleicht auch zu riechen und zu tasten und zu spüren, es gibt
viel zu erleben in dieser Nacht.
Sehen und hören klingen selbstverständlich und doch ist es
eine Gabe, ein Geschenk, Augen und Ohren zu haben. Dass lernen wir meist
erst zu schätzen, wenn unser Sehsinn oder unser Gehör beeinträchtigt
sind.
In diesem biblischen Text beim Propheten Jesaja wird eine paradoxe Aussage
gemacht: Sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht hören - Wie geht
das? Jesaja hat am eigenen Leib erfahren, dass die Menschen nicht auf seine
Botschaft gehört haben.
Seine Botschaft ist auf Zweifel, Ablehnung und Widerstand gestoßen. Er ist sich nicht sicher, ob ihm überhaupt jemand zuhört.
Und das, was von seinen Worten überliefert ist, mutet auch seltsam an. Es ist ein Gestammel, dahinter steckt etwas Unergründliches. Die Zürcher Übersetzung gib es wider in dieser Verworrenheit. Vielleicht handelt es sich um ein Streitgespräch zwischen Gott und seinem Knecht? Gott auf der Anklagebank? Zeigt sich Gott selber blind und taub gegenüber dem Leid seines Volkes? Möglich wäre es.
Dann aber dreht Gott den Spieß um. "Ihr seid es, mein Volk, das blind und taub ist, das nicht begreifen will, was und warum es geschehen ist, was zur Misere geführt hat, in der sich die Menschen befinden." Das Volk ist von fremden Mächten besiegt und in die Fremde geführt worden. Menschen leben in der Verbannung und beklagen ihr Schicksal, ihr bitteres Lot, und doch halten sie an ihrem Gott fest. und an keinem anderen.
Aber das, was nun als Anklage klingt, könnten auch Worte der Verheißung sein. Die Menschen leiden an ihrer Blindheit und Taubheit. Dabei hatte gerade das Volk Gottes vieles gesehen und gehört, das es in Staunen, aber auch in Schrecken versetzt hatte. Gerade die Erfahrung eigener Geschichte sollte sehend und hellhörig machen, die wunderbare Leitung Gottes, wie auch die Verfehlungen der Menschen. Das Volk Israel hat gehandelt, als hätte es nicht gesehen und nicht gehört, als wäre es sehenden Auges ins Verderben gerannt.
Die nicht sehen und hören können, das sind die Götzen, die Standbilder, die von Menschen geformt werden, aber alles, was atmet, hat auch Augen und Ohren.
Gott ist da, in unserer Mitte, in unserem Leben, in dieser Nacht, aber wir müssen seine Stimme hören, wir können seine Wunder schauen. Wir können uns in einer Nacht wie dieser darin einüben.
Denn allzu oft entspricht diese paradoxe Aussage der
Realität.
Sehen und doch nicht sehen, hören, und doch nicht hören.
Wie oft gehen wir vorüber an Leid und Not, aber auch an kleinen und großen
Wundern, ohne diese wahrzunehmen.
Wie sagt es Anton Wildgans in einem Gedicht:
Wie doch die Menschen sind. Sie sorgen, was morgen wird und übermorgen und ihre Seelen sind blind und arm. An Gärten wandern sie vorbei, an Gittern, die von dem Drängen junger Sträucher zittern, und ihre Seelen füllt der ewig gleiche Harm.
Wie oft machen wir es uns leicht und schauen weg, um keinen Ärger zu bekommen. Wie oft sind wir mit uns selber beschäftigt, und sehen und hören nicht, obwohl wir Augen und Ohren haben.
Der dem Gott solches vorwirft, ist nicht irgendjemand, sondern ausgerechnet sein Knecht, den er zum Boten für die Menschen auserkoren hat. Gott ist unzufrieden mit seinem Knecht, aber er denkt nicht daran, ihn fallen zu lassen oder ihn auszutauschen, wie einen schlechten Spieler in einem Fußballmatch. Gott hält auch an ihm fest. Das kann auch für uns ein Trost sein. Denn auch in unserer Blindheit und Taubheit, in all dem, was uns von Gott trennt, hält er an uns fest, bleibt uns treu, führt uns und weist uns den Weg.
Das Ziel Gottes an der Blindheit und Taubheit ist nicht die Bestrafung oder gar Rache für unsere Ignoranz, sondern die Befreiung von Leid und Schuld.
Eine Nacht der Kirchen ist nicht nur ein Happening, ist keine große bunte Seifenblase, sondern sie soll den Menschen etwas zeigen jenseits auch noch so attraktiver Selbstdarstellung, fröhlichem Feiern und reizvollen Angeboten: Nämlich, dass wir als Christen und Kirchen einen Auftrag in dieser Welt haben, dass wir hinausgehen sollen und heilen, Blinde sehend machen und Taube hörend, dass wir selber den Finger in die Wunde legen, dass wir die Dinge beim Namen nennen, die Kummer und Schmerz bereiten, dass wir letztlich auch unseren prophetischen Auftrag ernst-und wahrnehmen, um nicht wie Lemminge sehenden Auges ins Verderben zu rennen. Und sehen und hören sollen wir vor allem das, was nicht so offensichtlich ist: die Menschen in Not, die hinter verschlossenen Türen sitzen, die in Angst, weil sie eingeschüchtert werden und gegen sie gehetzt wird: Kirche ist nur glaubwürdige Kirche, wenn sie sich für die einsetzt, die keine Stimme und auch keinen Anwalt haben: für die Fremden, die Flüchtlinge, die Obdachlosen, für die Menschen, denen Gewalt angetan wird mit Worten oder Taten, die Menschen, die in unserer Stadt leben, aber ausgegrenzt werden.
Was der US-Präsident Obama in seiner gestrigen Rede in der Universität von Kairo gesagt hat, dass nämlich der Islam auch ein Teil der USA ist, das gilt auch für unsere Stadt: Der Islam ist ein Teil von Wien, und das sollten wir nicht nur akzeptieren, sondern auch als Chance begreifen. In vielen kleinen und größeren Moscheen und Gebetshäusers knien sich fromme Muslime, die weder fanatisch noch gewaltbereit sind, nieder zum Gebet in Ehrfurcht vor dem einen ewigen Gott, lassen alles andere ruhen und widmen sich ganz ihrem Gebet. Sehend und hörend sollen wir auch gegenüber unseren jüdischen Geschwistern sein. Gerade aus der Erfahrung der Geschichte haben wir als Christen und Kirchen eine besondere Verantwortung. Und wenn in unserem Text Gott den Ungehorsam seines Volkes beklagt, denken wir bitte nicht an Jüdinnen und Juden heute, sondern vielmehr an uns, die doch auch so oft blind und taub sind. Wenn Jüdinnen und Juden Angst haben aufgrund eines bestimmten Wahlausganges, aufgrund von antisemitischen Parolen, versteckten und offenen, oder weil mit antisemtischen Worten und Phrasen gespielt wird, um Stimmen zu fangen, dann sollen wir nicht sagen: "Die sollen nicht so empfindlich sein. Das ist doch alles nicht so ernst gemeint", sondern achten auf die Ängste und die Sorgen. Dann dürfen wir nicht unsere Augen und Ohren verschließen, sondern müssen diesem Gerede freimütig entgegentreten. Sind nicht jene taub und blind, die das Abendland nur für Christen beanspruchen? Als Christinnen und Christen sollen wir aber nicht neue Mauern errichten, sondern auch die Ängste jener verstehen, die sich bereitwillig aufhetzen lassen.
Wenn die Worte des Propheten als Verheißung gemeint sind, sollen wir den Blinden und Tauben nicht mit Aggressivität begegnen, aber in Klarheit und Bestimmtheit. Kirchen sollten nicht den Eindruck erwecken, als würden sie Zugeständnisse an Intoleranz und Feindseligkeit machen, aber immer die Sorgen, Probleme und Ängste der Menschen wahrnehmen und versuchen zu verstehen.
Was für eine Verheißung, Blinde und Taube geheilt zu sehen. In einem anderen Bild entspricht die Heilung der Blinden und Tauben dem Bild von Frieden und Gerechtigkeit, die einander küssen. Und das gelingt nicht, in dem ich andere verdamme und verurteile, auch nicht diejenigen, die gottlos handeln und reden, auch wenn sie dafür christliches Vokabular benutzen oder mit Kreuzen herumfuchteln.
Und doch gibt es auch jene, die tatsächlich blind und taub sind. Sie können unter Umständen mehr sehen und mehr hören, als andere. Sie sind ein Teil der Gesellschaft, du wir sollten darauf achten, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, ihr Leben einfacher zu machen. Gerade im Umgang mit Blinden und Tauben oder auch nur Schwerhörigen lässt sich ermessen, wie selbstverständlich wir mit uns beschäftigt sind oder auf andere achten.
Nehmen wir den Auftrag ernst, auch und gerade in dieser Nacht, nicht um Menschen zu fischen, sondern um die Frohe Botschaft hinauszutragen in die Nacht und darauf vertrauen, dass sie auf guten Boden fällt und Gutes bewirkt und Menschen heilt, die Blinde sehend und die Tauben hörend macht.
(red)